Potsdam wird akademisches Ausbildungszentrum für Rabbiner – (epd-Gespräch)


Potsdam/Berlin (epd). Brandenburgs Landeshauptstadt soll zur weltweit einzigartigen akademischen Ausbildungsstätte für Rabbiner unterschiedlicher jüdischer Konfessionen werden. Nach der Eröffnung des liberalen Abraham-Geiger-Kollegs vor zwölf Jahren soll am 20. Juni in Potsdam ein weiteres Rabbinerseminar der konservativen “Ziegler School of Rabbinic Studies” aus Los Angeles gegründet werden, sagte der Rektor des Geiger-Kollegs, Walter Homolka, dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Berlin. 

Damit entstehe in Potsdam auch die europaweit erste Ausbildungsstätte für konservative Rabbiner, betonte Homolka. Die ersten Studierenden des europäischen Campus der “Ziegler School” sollen voraussichtlich 2013 mit der Rabbinerausbildung beginnen. Das Seminar soll den Namen des Begründers des konservativen Judentums und früheren Oberrabbiners von Dresden, Leipzig und Breslau, Zacharias Frankel (1801-1875), tragen und wie das Geiger-Kolleg als An-Institut mit der Universität kooperieren.

Die Ordinationen der beiden Rabbinerseminare werden von den Welt-Dachverbänden des liberalen und des konservativen Judentums und ihren Rabbiner-Konferenzen international anerkannt. Die Absolventen können den Rabbiner-Beruf damit weltweit ausüben. Die beiden Dachverbände “World Union for Progressive Judaism” (WUPJ) und “World Council of Conservative Synagogues” vertreten rund vier Millionen Juden in zahlreichen Ländern.

Zum liberalen Dachverband gehören laut Homolka weltweit drei akademische Ausbildungseinrichtungen mit zum Teil mehreren Standorten, darunter das Abraham-Geiger-Kolleg. Dem konservativen Verband gehören demnach weltweit vier anerkannte Ausbildungseinrichtungen an. Das Abraham-Geiger-Kolleg hat bereits 15 Rabbiner ausgebildet.

Beide Seminare wollen in Potsdam unter anderem bei der akademischen und praktischen Ausbildung und in der Verwaltung kooperieren. Die Absolventen müssen zugleich ein Master-Studium der Universität Potsdam in Jüdischen Studien abschließen. Durch die parallele Ausbildung an der gleichen Universität werde auch eine mögliche Umorientierung der angehenden Rabbiner zum liberalen oder konservativen Judentum vor der Ordination erleichtert, sagte Homolka.

Für die praktische Ausbildung werde im Rahmen des Ende Mai gegründeten Zentrums für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg aus Bundesmitteln eine Gastprofessur für jüdisches Recht finanziert, sagte Homolka. Zusätzlich sei eine Ko-Finanzierung beim Zentralrat der Juden in Deutschland angemeldet worden. Der europäische Campus der “Ziegler School” wird wie das Abraham-Geiger-Kolleg als gemeinnützige GmbH geführt. Geschäftsführer der Verwaltung wird Walter Homolka.

Das liberale und das konservative Judentum sind im 18. und 19. Jahrhundert in Deutschland entstanden und ähnlich wie die reformierte und die lutherische Tradition der evangelischen Kirche eng miteinander verwandt. Während im liberalen Judentum laut Homolka das eigene Gewissen stärker im Vordergrund steht, stellt das konservative Judentum Fragen der Auslegung des historischen jüdischen Rechts in den Mittelpunkt.

Die Frauen-Ordination wurde im liberalen Judentum in den USA bereits Anfang der 70er Jahre eingeführt, im konservativen Judentum in den 80er Jahren. Die Rabbiner-Ordination von Homosexuellen wurde in der liberalen Strömung in den 80er Jahren zugelassen, im konservativen Judentum ist dies nach längerer Prüfung der jüdischen Rechtsquellen erst seit 2010 möglich.

Beide jüdischen Konfessionen eint laut Homolka die Überzeugung, dass die göttliche Offenbarung noch nicht abgeschlossen ist. Anders als im orthodoxen Judentum, das weitgehend keine akademische Ausbildung seiner Rabbiner anstrebt, verlangen die liberalen und konservativen Verbände von ihren Rabbinern Hochschulabschlüsse.

epd-Gespräch: Yvonne Jennerjahn