„Eine neue Rabbiner-Generation“ Interview mit Rabbiner Artson (KNA)


In Potsdam eröffnet in Kooperation mit der Leo Baeck Foundation das erste konservative Rabbinerseminar Europas: der Zacharias Frankel Campus Europe ist die europäische Dependance der renommierten Ziegler School für Rabbinische Studien, ein Fachbereich der American Jewish University in Los Angeles. Deren Dekan und Vizepräsident, Rabbiner Bradley S. Artson, sprach mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Freitag in Los Angeles über Ziele und Aufgaben der neuen Ausbildungsstätte, die am 20. Juni gegründet werden soll.

KNA: Herr Rabbiner Artson, warum siedelt sich der europäische Campus der Ziegler School ausgerechnet in Potsdam an?

Artson: Wir haben Geschichte geschrieben, als wir vor über 30 Jahren das erste unabhängige Rabbinerseminar an der Westküste der USA eröffneten. Jetzt machen wir den nächsten Schritt mit unserem ersten transatlantischen Seminar. Ziel ist es, dass die jüdischen Gemeinden in Europa genügend gut ausgebildete Rabbiner erhalten, um die Renaissance des Judentums weiter voranzutreiben. Diese Intention teilen wir mit dem liberalen Abraham Geiger Kolleg in Potsdam, und wir freuen uns, wenn wir künftig an der Universität Potsdam die geplante jüdisch-theologische Einrichtung mit Fakultätscharakter nutzen können, die bis Ende 2012 eingerichtet werden soll. Jüdische Theologie an einer staatlichen Hochschule in Deutschland ist etwas Einmaliges und ein historischer Erfolg, auf den die Juden seit über 200 Jahren warten. Wir sind stolz, Teil dieser spannenden Entwicklung in Kooperation mit dem Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg sein zu dürfen.

KNA: Was ist die Idee hinter der Gründung der neuen Ausbildungsstätte?

Artson: Wir wollen eine neue Generation von konservativen Rabbinern ausbilden, die den spirituellen Bedürfnissen der wachsenden jüdischen Gemeinschaft in Europa gerecht wird. Wir leben in einer Zeit, in der viele Juden immer stärker fragen: “Warum soll ich jüdisch sein?” Das betrifft gerade die vielen jüdischen Zuwanderer, die in Deutschland die jüdische Gemeinschaft bestimmen. Viele streben nach mehr Wissen, spiritueller Erneuerung, einer Beziehung zu Gott und einem Identitätsgefühl durch die Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte, Kultur, Sprache, Tradition und ihren Werten.

KNA: Wie sieht der Lehrplan des neuen Seminars aus?

Artson: Wir richten das Studium unserer Rabbinats-Studierenden so aus, dass sie fundierte Kenntnisse der jüdischen Texte erwerben, ihr Leben nach den jüdischen Geboten ausrichten und sich der jüdischen Tradition in Liebe verbunden fühlen. Und sie sollen als Rabbiner in der Lage sein, die Weisheit und Schönheit des Judentums anderen weiterzugeben. Wir legen besonderen Wert auf das Zusammenspiel von akademischer Güte, psycho-sozialer Entwicklung und praktisch-theologischer Bildung. In dieser Atmosphäre öffnen die Studierenden Herz und Geist für die Texte und Traditionen des Judentums, feiern die Gegenwart Gottes in ihrem Leben und ihren Gemeinden und meistern die ständig wachsende Verantwortung, die ihnen als zukünftige Rabbiner obliegt. Unsere Absolventen sollen als engagierte, kreative Denker Heiligkeit in ihre Gemeinden bringen.

KNA: Sie sprechen mehrfach von einer neuen Rabbinergeneration. Was muss einen Rabbiner im 21. Jahrhundert denn auszeichnen?

Artson: Ein erfolgreicher Rabbiner muss mit den Texten und Traditionen unseres Volkes vertraut sein. Aber das ist nicht genug. Ein Rabbiner des 21. Jahrhunderts muss lernen, das jüdische Erbe mit den Personen und dem sozialen Geflecht der Gemeinschaft in Beziehung zu bringen. Darum ist es bei der Ausbildung wichtig, den kulturellen Kontext miteinzubeziehen, in dem die Rabbinatsstudenten später leben und arbeiten werden. Das sind unser Ziel und unser Auftrag als neues Rabbinerseminar in Potsdam.

KNA Katholische Nachrichten-Agentur GmbH